Stand: 31.12.2014
Design: Marcel Röhrig

Dr. Rita Knobel-Ulrich 

„Menschen hautnah“: In Deufschland als Au Pair – Familienmitglied aus der Ferne“

Was wären wohl all die Ärztinnen und Abteilungsleiterinnen, die morgens in Praxen und Büros eilen, ohne das Heer jener Mädchen, die das Regiment übernehmen, wenn die Hausherrin die Wohnungstür hinter sich zugemacht hat? Sie besänftigen schreiende Babys, bügeln Wäsche, kochen Brei. All die business- Frauen mit Kostüm, Laptop und Kindern säßen strapaziert und hohläugig am Konferenztisch, hätten sie kein Au Pair.
Agar und Chimgee kommen aus der Mongolei. Zuhause gibt es zwar Strom, aber durchaus nicht immer fließendes Wasser. Die Wäsche wird mit der Hand gewaschen, das Geschirr selbstverständlich auch. Sie leben mit Geschwistern und Eltern in einer engen Zwei-Zimmerwohnung und im Sommer bei den Großeltern draußen in der Steppe. In der Jurte kocht auf der Feuerstelle ein Schafskopf, Holz muss von weit her geholt werden und die Wünsche, die man hier erfüllen kann, bleiben begrenzt.
In Deutschland haben sie ein eigenes Zimmer mit Dusche und Klo, hier gibt es Mikrowellen und Geschirrspüler, Waschmaschinen und Trockner, jedes Kind hat ein eigenes Zimmer, widerspricht den Eltern und dem Au Pair. Das Mädchen aus der Steppe muss nun lernen, all die Apparate zu bedienen, mit den Kindern zu diskutieren, im Supermarkt auf Preisunterschiede zu achten, Müll zu trennen, Gemüse und Obst zu essen. Und die Gasteltern müssen sich daran gewöhnen, von nun an für ein ganzes Jahr einen Menschen um sich zu haben, der ihnen völlig fremd ist, aber dem sie ihre Kinder anvertrauen. Wird sie sich kümmern oder gelangweilt ihre Nägel feilen, bei den Hausaufgaben helfen oder Seifenopern gucken?
Wird sie sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, erwartungsfroh ins Wohnzimmer setzen oder sich diskret zurückziehen?
Was sagen die Kinder zu dem schrägäugigen Familienzuwachs? Kommen sie klar oder muss die Mutter abends die Wogen glätten?
Inzwischen verändert sich auch das Au Pair: Wenn sie frei hat, geht sie in die verdammt herrliche große Stadt, stürzt sich in Kaufhäuser und Cafes und träumt davon, ein bisschen Deutschland mitzunehmen in die mongolische Steppe...
Manchmal wiederholt sich auch die Geschichte vom Entlein und vom Schwan, wenn sie nach einem Jahr zurückkehrt - weltstädtisch, auf Schwindel erregenden Absätzen, im schrägen Kleid und einer vagen Ahnung davon, dass sie in Zukunft anders leben möchte.

Agar vor ihrer Jurte

Agars Heimat: die Mongolei

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